Aufwachen.
- 13. Sept. 2024
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Jan.
In diesem Text werden Gedanken geteilt, die der Frage nachgehen, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln, wenn sich jede und jeder nur sich selbst wichtig ist.

Wir sprechen zwar die gleiche Sprache, aber keine gemeinsame. Lange habe ich danach gesucht, was mich angesichts der gesellschaftlichen und weltpolitischen Lage innerlich so stark aufwühlt. An einem Abend kam mir eine Erkenntnis, die mir wie Schuppen von den Augen fiel. Unser Leben, unser Alltag, ist zutiefst von Sprache geprägt. Gesprochen oder unausgesprochen. Wir kommunizieren immer. Paul Watzlawick formulierte bereits 1967 in seinen fünf Axiomen einen bis heute prägenden Satz: Man kann nicht nicht kommunizieren.
In diesem Text möchte ich einerseits meinem subjektiven Empfinden einer Entfremdung der gemeinschaftlichen Sprache nachgehen. Andererseits möchte ich aufzeigen, dass wir zwar in der gleichen Sprache kommunizieren, uns aber der gemeinsame Nenner der dahinterliegenden Haltung zunehmend verloren geht. Mit der gleichen Sprache meine ich in meinem Verständnis und meinem Lebensumfeld die schweizerdeutsche Sprache. Dass in der Schweiz eine Vielfalt an Sprachen gesprochen wird, ist mir bewusst, in diesem Kontext jedoch nicht zentral. Das, was ich ausdrücken möchte, lässt sich auf alle sprachlichen Gemeinschaften übertragen.
Beim Lesen meiner Lieblingslektüre, der Sonntagszeitung, beschleicht mich immer öfter eine Sorge darüber, wohin wir uns als Gesellschaft entwickeln. Eigene Sichtweisen werden als alternativlos verstanden und nicht nur vertreten, sondern die gegenteilige Haltung soll bekämpft werden. Die Sprache der Sonntagszeitung, die geschriebene, ist gefärbt durch die Haltung des Medienhauses und der Journalist:innen. Und dennoch transportiert sie das, was die interviewten Personen denken und sagen. Mich beunruhigt, dass offenbar nicht mehr primär eine Gesamtschau, ein Miteinander angestrebt wird, sondern dass extremen Ansichten, die längst überwunden geglaubt waren, wieder Raum gegeben wird. Einfache Rezepte für komplexe Probleme vermitteln in Zeiten gesellschaftlicher oder persönlicher Orientierungslosigkeit vielleicht eine ersehnte Sicherheit.
Sich der eigenen politischen Haltung bewusst zu werden, erfordert viel Reflexion. Für mich stehen dabei das Bewusstwerden der eigenen Haltung und das zugrunde liegende Menschenbild im Zentrum. Beim Lesen von Meinungsartikeln gesellschaftlich relevanter Personen beschäftigt mich das Auseinanderdriften von Haltungen und das unterschiedliche Verständnis unserer Werte. Sollten wir nicht tief im Innern miteinander verbunden sein und auf christlichen, wertebasierten, westlichen und europäischen Errungenschaften aufbauen? Heute müssen wir dafür kämpfen. Und wie wir sehen, nicht nur sprachlich, sondern auch mit Waffengewalt. Was ist geschehen? Rüstungsfirmen verzeichnen Milliardenumsätze und ihre Aktien steigen rasant. NGOs hingegen werden in Teilen der Welt zum Schweigen gebracht. Journalismus, immerhin die vierte Gewalt in unserem Land, wird stärker denn je infrage gestellt oder in seiner Arbeit behindert.
Warum sind in der Migrationspolitik Quoten und Zahlen wichtiger als ein Menschenleben? Weshalb wird menschliches Leben unterschiedlich bewertet, etwa in die falschen, was im Umkehrschluss impliziert, dass es auch richtige Geflüchtete geben muss? Weshalb verfallen wir in egoistische Haltungen und verlieren die Solidarität aus dem Blick? Und dies nicht nur im Grossen. Auch Gesten und Handlungen im eigenen Einflussbereich sind von enormer Bedeutung. Warum verschliessen wir uns? Nicht nur als Individuen, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch als Gesellschaften und Staaten. In einen Dialog zu treten, miteinander zu diskutieren, einander zuzuhören, scheint kaum mehr möglich. Das Finden einer Schnittmenge, einer gesunden Mitte, eines tragfähigen Kompromisses ist nicht für alle gleichermassen erstrebenswert. Stattdessen wird die eigene politische Agenda verfolgt, vielleicht um eher den eigenen Klientelen zu gefallen als dem übergeordneten Gemeinwohl zu dienen. Eine eigene Meinung zu haben und Farbe zu bekennen, halte ich für wichtig. Mir scheint jedoch, dass sich im Diskurs die eigene Farbe nicht aufhellt, sondern oft verdunkelt. Positionen verhärten sich. Wir verharren in der Froschperspektive. Die aus meiner Sicht entscheidendere Vogelperspektive bleibt aus. Das grosse Ganze zu sehen und die grundlegenden Werte im Herzen zu tragen, geht verloren. Wir sprechen in der gleichen Sprache übereinander, aber nicht in einer gemeinsamen Sprache miteinander.
Ich wünsche mir eine Gesellschaft mit offenen Herzen. Vielleicht ist diese Offenheit nicht immer sichtbar. Angesichts des Leids in der Welt glaube ich dennoch, dass unsere Herzen offener sind, als es den Anschein macht. Es fällt mir nur schwer, diese Offenheit zu erkennen, insbesondere wenn ich an die zahlreichen weltweiten Konflikte denke. Die politische und geschichtliche Komplexität ist enorm. Und doch frage ich mich immer wieder, wie gross die Zahl der politisch Abgehängten ist und woher der tiefe gesellschaftliche Frust rührt.
Wohin führt unsere Reise? Wann hören wir die oft stumme Mitte unserer Gesellschaft? Wann wachen wir auf? Und was wartet auf uns? Diese Fragen berühren mich emotional stark. Besonders dann, wenn ich an den fünfjährigen Sohn eines befreundeten Paares denke. Ich frage mich, was auf ihn wartet. Was ihn erwartet. Ich sehe ihn aufwachsen, sehe seine unbeschwerte Kindheit. Wie selbstverständlich und furchtlos er sich in seiner Welt bewegt. Dieses Staunen, wenn ich ihm aus einem Buch vorlese und er sich vorbehaltlos in Fantasie und Fabel verliert. Und gleichzeitig frage ich mich, wo wir in zehn Jahren stehen, wenn er fünfzehnjährig ist. Welche Welt wird er vorfinden, nicht nur ökologisch, sondern vor allem gesellschaftlich?
Ich hinterfrage meinen eigenen Einflussbereich und frage mich, ob wir als Gesellschaft rechtzeitig aufwachen. Wenn nicht für uns selbst, dann wenigstens für die Schwächsten unter uns. Vielleicht wird uns der gesellschaftliche Zusammenhalt wieder bewusster, wenn wir lernen, mit dem Herzen zu sehen. Wenn wir Liebe weitergeben. Wenn wir Sinn und Orientierung in unserem Handeln erkennen und dem Licht der Hoffnung folgen. Und wenn wir wieder lernen, eine gemeinsame Sprache zu sprechen.
Zu diesem Text wurde ich inspiriert durch den Song "Wann wachen wir auf".



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