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Fast perfekt.

14. Mai
4 Min. Lesezeit

Geht es im Leben nicht darum, das eigene Perfekt für sich selbst zu definieren? Wie und inwiefern spielen dabei gesellschaftlicher Druck und der Drang zur Selbstinszenierung eine Rolle?

Zu meinem allsonntäglichen Ritual gehört das Lesen der Sonntagszeitung. Zwischen Politik, Gesellschaft und Feuilleton blättere ich mich durch ein Potpourri aus Weltgeschehen, Weltschmerz und Wellness. Besonders die Rubrik Lifestyle ist ein eigenes kleines Universum, bevölkert von Rezepten für das bessere Leben. Mal ernst. Mal halbgar. Oft amüsant. Ich lese diese Texte mit einer Art innerem Schmunzeln. Nicht zynisch, eher liebevoll-ironisch. Es ist dieses Lesen, das gleichzeitig entzückt. Amüsiert. Anregt. Und manchmal auch leicht fassungslos macht. Kurz: Texte, die aufwühlen. Auf die charmante oder die kritische Art. Denn was da beschrieben wird, ist meist die perfekte Welt: glitzer-glamour, super-happy, always balanced. Ein Leben, das aussieht, als hätte es nie unaufgeräumte Gedanken oder verregnete Montage. Und trotzdem ertappe ich mich dabei, dass ich mich an diesen schönen Bildern festlese. Vielleicht, weil sie das versprechen, was im Alltag so flüchtig ist: Kontrolle. Harmonie. Und das Gefühl, alles im Griff zu haben.


Ein Freund empfahl mir neulich das Buch mit dem Titel "The Subtle Art of Not Giving a F*ck" von Mark Manson. Ich gebe zu: Ich las nur die Überschrift und den Extrakt. Dennoch malte ich mir aus, weshalb diese Selbstoptimierungswelle nicht abebbt: Wir wollen gut genug sein. Oder wenigstens fast perfekt. Nur ohne, dass es zu perfekt aussieht. Dass Körperkult und Selbstinszenierung Konjunktur haben, ist nichts Neues. Mich interessiert eher die zarte Variante davon. Die ästhetisch durchkomponierte Alltäglichkeit. Da wird in Hochglanz gezeigt, wie man einen Urban-Gardening-Balkon gestaltet: alles wächst und blüht. Sogar die Zucchetti glänzt wie poliert. Das Ganze in einem Bio-Holz-Kistchen, umrahmt von Accessoires, die wirken, als seien sie zufällig genau dort hingefallen, wo sie am besten aussehen. Das Bild suggeriert: Ich und meine Welt, wir sind im Flow. Und irgendwie ist das ansteckend. Aber zwischen der makellosen Basilikumstaude und dem Instagram-Filter bleibt eine Frage hängen: Für wen eigentlich das Ganze? Für mich? Fürs Publikum? Selbst ein Picknick scheint heute ein Projektmanagement zu verlangen. Früher reichten ein paar „Eingeklemmte“ (Sandwiches) und eine Decke. Heute muss das Sandwich glutenfrei, proteinreich und bitte aesthetically pleasing sein. Es reicht nicht mehr, satt zu werden. Man muss gut dabei aussehen, während man es tut.

"Mit Herz dabei sein, dass ist es, um was es geht".

Doch das Herz scheint oft nur Kulisse. Hübsch dekoriert und perfekt in Szene gesetzt. Mittlerweile gilt jedoch das Fast-Perfekte als neues Perfekt. Die Tomate darf jetzt endlich schief wachsen, aber bitte fotogen. Das Picknick darf unperfekt sein, aber inszeniert unperfekt. Wir behaupten, authentisch zu sein und spielen dabei eine noch raffiniertere Rolle. So verliert die Achtsamkeit ihre Ehrlichkeit. Denn wer das Unvollkommene feiern will, darf es nicht stylen.


Vielleicht geht es am Ende gar nicht um Optimierung, sondern um Ehrlichkeit. Ein ehrliches Picknick braucht keine Hashtags. Ein ehrliches Leben braucht keine Rechtfertigung. Und vielleicht wäre die grössere Kunst gar nicht, uns ständig zu verbessern, sondern uns auf das zu konzentrieren, was schon gut ist. Wir müssen nicht alles können. Es reicht, das Eigene gut zu können. Die eigenen Stärken zu kennen und zu pflegen, statt sie ständig zu vermessen und zu vergleichen. Denn wer versucht, in allem glänzen zu wollen, verliert irgendwann das natürliche Licht. Das Reale, das, was nicht gefiltert ist. Nicht kuratiert ist. Nicht inszeniert ist. Das ist der Ort, wo Leben passiert. Zwischen den unaufgeräumten Momenten. Den halben Erfolgen. Den echten Begegnungen. Da, wo nichts perfekt ist, aber vieles authentisch. Und vielleicht dürfen wir im echten Leben den Genuss wieder mehr zulassen. Ein Stück Kuchen ohne Kalorientabelle. Ein Spaziergang ohne Selfie. Ein Picknick ohne Styling. Genuss, der sich nicht rechtfertigen muss, weil er aus dem Hier und Jetzt kommt. Es ist eine Einladung, die kleinen Dinge wieder zu feiern: die Wärme der Sonne auf der Haut. Den Duft von frisch gemähtem Gras. Das leise Lachen eines Kindes. Das Knistern von Zeitungspapier am Sonntagmorgen. Wir müssen nicht alles dramatisch optimieren, um Wert zu verspüren. Manchmal genügt es, es zu erleben. Genuss im echten Leben motiviert, weil er uns erdet. Er erinnert daran, dass Perfektion nicht das Ziel ist. Das Ziel ist das Leben selbst. Und wer sich erlaubt, Genuss zu spüren, wer das Eigene wertschätzt, statt sich ständig zu vergleichen, entdeckt Energie, Freude und Leichtigkeit. Plötzlich fühlt sich das Leben nicht mehr wie ein To-do-Plan an, sondern wie ein Raum voller Möglichkeiten. Voller Momente, die man bewusst aufnehmen kann, weil wir in ihnen sind, nicht daneben. Vielleicht ist der wahre Luxus heute nicht das inszenierte Instagram-Picknick, sondern die Fähigkeit, das Leben zu schmecken. Zu hören. Zu spüren. Ohne ständig zu rechtfertigen. Zu optimieren. Zu inszenieren. Und das eigentliche Ziel? Vielleicht nicht perfekt sein. Sondern ganz da zu sein. Mit allem, was uns gelingt. Und mit dem, was eben nicht glänzt. Immer mit dem Sinn für das Reale. Oder um es in den Worten des im eingangs erwähnten Buchautors auszudrücken: Giving a f*ck!

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