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Mitgefühl.

  • Daniel
  • 15. Dez. 2025
  • 3 Min. Lesezeit

Wunden hinterlassen Spuren, sichtbar oder verborgen. Ihre Heilung folgt keinem klaren Plan. Wir alle tragen Kerben in uns, jede einzigartig. Vielleicht beginnt Mitgefühl damit, ihnen Raum zu geben.



Die Zeit heilt alle Wunden. So heisst es. Nun denke ich viel über die Zeit nach. In all ihren Facetten. Es ist also naheliegend, dass mich dieses Zitat ins Grübeln bringt. Wunden entstehen bei Verletzungen. Sichtbaren oder unsichtbaren. Physischen oder psychischen. Oft ist es beides zugleich. Sicher ist: Wunden entstehen, wenn Menschen Leid erfahren. Die Zeit heilt alle Wunden. Ist dem wirklich so? Kann

man das Bewältigen von oft traumatischen Erlebnissen an Stunden, Tage oder Jahre binden? Einerseits lässt sich ein Ereignis einem bestimmten Punkt im Leben zuschreiben. Dadurch bekommt das Erlebte einen Platz, einen Raum in der Zeit. Denken wir an persönliche oder gesellschaftliche Jahrestage. Momente, in denen wir bewusst erinnern. Trauern. Feiern. Gedenken. Andererseits geht jede und jeder von uns anders mit prägenden Momenten um. Was für mich nach drei Monaten leichter wird, kann für eine andere Person weiterhin schwer sein. Und weltpolitische Ereignisse berühren uns je nach Erfahrung, Haltung oder Lebenssituation auf unterschiedliche Weise.


In diesem Beitrag soll es darum gehen, wieder mehr echtes Mitgefühl zu zeigen. Empathie zu entwickeln. Damit geht eines einher: Ich bewerte nicht, sondern ich höre zu. Ich versuche, mich in die Situation meines Gegenübers einzufühlen. Möglichst wertfrei. Neutral. Offen nehme ich das Gesagte auf. Ich schenke meinem Gegenüber Sicherheit und das Gefühl von Vertrautheit. In Gesprächen höre ich immer wieder Sätze wie: «Also ich konnte mich nach einem Jahr von der Trauer befreien.» Doch setzt das dem Gegenüber nicht einen Druck auf? Im Sinne von: «Schau zu, das Leben geht weiter. Das Erlebnis ist nun auch schon ein Jahr her.» Die individuelle Bewältigung von Trauer oder einem Trauma darf meiner Meinung nach kein Zeitetikett tragen. Heilung geschieht nicht auf Befehl. Sie folgt keinem Kalender.


Kürzlich stiess ich auf den Begriff Kerbenprofil. Nady Mirian, deutsch-iranische Kinder- und Jugendpsychotherapeutin, verwendet diesen Begriff in ihrer Praxis. Wenn ich an Kerben denke, sehe ich das Bild eines Baumes vor mir. Einer Tischplatte aus Holz. Eines alten Parkettbodens. Überall dort, wo das Leben Spuren hinterlassen hat. Übertragen auf den Menschen ist es ein zärtliches Bild. Persönliche Erlebnisse sind wie feine Linien, wie Lebensadern auf unserer Haut gezeichnet. Eine individuelle, innere Landkarte. In der Regel verborgen. Nicht transparent. Nicht öffentlich sichtbar. Wir tragen diese Kerben, diese Wunden in uns. Grosse und kleine. Manche frisch, manche alt. Wenn ich zum Anfangszitat zurückkehre, erkenne ich die Unlogik: Die gefühlte Wirklichkeit und die Bewältigungsdauer stehen oft im Widerspruch. Zeit allein heilt nicht. Sie schafft vielleicht nur den Raum, in dem Heilung geschehen kann.


Abschliessend möchte ich einen Gedanken teilen, der für viele kaum sagbar ist: dass sich im Leid oft auch etwas Positives verbirgt. Es gibt die Geschichte eines drogenabhängigen Musikers, der seine beiden Söhne bei einem tragischen Autounfall verloren hat. Nach diesem Erlebnis beschreibt er seine Beziehung zu seiner Frau als viel enger. Vertrauter. Inniger. Tiefer. Er ist heute zudem clean. Sein Dilemma, an dem er fast zerbricht, ist die Frage nach der Dankbarkeit. Darf ich dankbar für mein Leid sein? Darf ich dankbar sein für den Tod meiner Söhne? Das Leid, der Verlust, löste eine Bewusstseinsveränderung aus. Es ist eine extreme Geschichte, doch sie berührt eine grosse Lebensfrage: Kann Schmerz auch Wandlung sein? Bezogen auf das Kerbenprofil haben wir wohl alle kleinere und grössere Fragen, die erst durch das Leid an die Oberfläche gekommen sind. Im besten Fall haben sie sich in etwas Positives verwandelt. Ohne Krise keine Veränderung. Eine zentrale und zugleich ambivalente Aussage. Eine Krise stört das Bestehende, sie macht sichtbar, dass etwas nicht mehr passt. Wir verändern uns selten aus Bequemlichkeit. Oft erst, wenn wir müssen. Wenn der Schmerz, so weiterzumachen, grösser wird als die Angst vor dem Neuen.


Vielleicht heilt die Zeit also tatsächlich alle Wunden. Aber in ihrem eigenen, individuellen Rhythmus. Jede und jeder in der eigenen Geschwindigkeit, mit der eigenen Tiefe. Vielleicht befindet sich jemand gerade mitten in einem Bewältigungsprozess. In einer Trauerphase. In der Bearbeitung einer unsichtbaren Kerbe. Schenken wir Raum für diese Person. Öffnen wir unser Herz. Fühlen wir mit. Zeigen wir Mitgefühl.

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