Zwischengefühl.
Manchmal wird es erst still um uns, bevor es in uns laut wird. Zwischen Abschied und Aufbruch, zwischen Festhalten und Loslassen verlieren wir uns in Gedanken, die keine Antworten kennen. Und vielleicht ist es gerade diese Ungewissheit, die uns am meisten beschäftigt. Ein Text über die leisen Stürme des Lebens und das Gefühl, noch nicht zu wissen, wohin der Weg führt.

Ich sitze da. Auf dem Sofa. Der Duft von Sandelholz durchzieht das Wohnzimmer. Eine Kerze flackert sanft vor sich hin. Draussen tanzen die vom Herbst gezeichneten Blätter durch die Luft, während der Regen auf das Hausdach prasselt. Die Tischleuchte taucht den Raum in ein warmes, beinahe geborgenes Licht. Es ist still. Zumindest hier draussen. Und dann ist es wieder da. Dieses schwere, laue Gefühl. Eines, das sich nicht ankündigt, sondern einfach da ist. Das sich in den leisen Momenten des Alltags breitmacht. In jenen wenigen Stunden, in denen das belanglose Scrollen auf dem Smartphone versiegt, die Ablenkung verstummt und nichts mehr zwischen mir und meinen Gedanken steht. Die äussere Ruhe lässt das Innere laut werden. Wie einfach wäre es, diesem Gefühl einen Namen zu geben. Ein Wort, das es greifbar macht. Denn ich glaube daran, dass Worte Realitäten schaffen. Dass sie Dingen eine Bedeutung geben, die zuvor vielleicht nur als Ahnung in uns existiert haben. Ein Begriff könnte ordnen, was sich gerade ungeordnet anfühlt. Könnte erklären, was sich einer Erklärung entzieht. Und doch scheue ich mich davor, das Gefühl festzuhalten. Vielleicht, weil ich ahne, dass es sich nicht mit einem einzigen Wort begreifen lässt. Vielleicht aber auch, weil mit dem Benennen ein Eingeständnis verbunden wäre. Dass sich etwas verändert. Dass etwas zu Ende gehen könnte.
Vielleicht ist es der leise Schmerz des Abschiednehmens. Abschied von Momenten, die sich vertraut anfühlen. Von Dingen, die Bestand hatten. Von Vorstellungen, an denen ich mich orientiert habe. Und vielleicht auch von einer idealisierten Vorstellung meiner selbst. Von dem Menschen, der ich glaubte zu sein. Von Werten, Normen und Haltungen, die mir Sicherheit gegeben haben und die ich lange nicht hinterfragen musste. Es ist ein seltsamer Gedanke, sich selbst fremd zu werden. Nicht von heute auf morgen. Nicht durch ein einzelnes Ereignis, das alles verändert. Sondern schleichend. Fast unbemerkt. Bis irgendwann die Frage auftaucht, ob das eigene Leben noch zu dem Menschen passt, der man geworden ist. Vielleicht gehört das zum Erwachsenwerden. Vielleicht ist es das Älterwerden. Vielleicht ist es einfach das Leben, das uns irgendwann dazu zwingt, genauer hinzusehen. Nicht mehr nur auf das, was wir haben und was wir tun, sondern auf das, was uns trägt. Und auf das, was wir längst hinter uns gelassen haben, ohne es wirklich zu bemerken.
Draussen heult der Wind auf. Er fährt durch die Bäume, zerrt an den letzten Blättern und lässt sie durch die Luft wirbeln. Was eben noch Halt hatte, löst sich und wird fortgetragen. In mir ist es nicht anders. Es ist kein laues Lüftchen, das durch meine Gedanken zieht. Es sind Stürme, wie sie der Herbst mit sich bringt. Doch während sich die Böen draussen sanft um die Äste schmiegen, hinterlassen jene in meinem Inneren Spuren. Sie ziehen durch meine Seele, rütteln an Gewissheiten und hinterlassen einen Schmerz, den ich nicht immer zu erklären vermag. Diese inneren Stürme kommen nicht ständig. Sie kündigen sich nicht verlässlich an. Aber wenn sie kommen, dann mit einer Vehemenz, der ich mich nur schwer entziehen kann. Sie bringen Gefühle mit sich, die sich kaum voneinander trennen lassen. Sehnsucht und Zweifel. Hoffnung und Ernüchterung. Das Bedürfnis nach Veränderung und die gleichzeitige Angst davor, etwas zu verlieren. Vielleicht ist es gerade diese Gleichzeitigkeit, die mich so sehr beschäftigt. Wir neigen dazu, die Welt in Gegensätze zu ordnen. Dafür oder dagegen. Bleiben oder gehen. Festhalten oder loslassen. Schwarz oder weiss. Als wäre es möglich, für jede Frage eine eindeutige Antwort zu finden. Als müsste jede Entscheidung ein klares Bekenntnis sein und jeder Zweifel irgendwann verschwinden. Doch was, wenn beides wahr ist? Was, wenn ich etwas liebe und es trotzdem hinterfragen muss? Wenn ich dankbar bin für das, was war, und mich gleichzeitig danach sehne, dass etwas anders wird? Wenn ich an Überzeugungen festhalte und doch spüre, dass sie nicht mehr dieselben sind wie früher? Das Pendel schlägt aus. Nach links und nach rechts. Von einem Gedanken zum nächsten. Ich suche nach Orientierung und lande bei neuen Fragen. Ich glaube, etwas verstanden zu haben, nur um wenig später wieder daran zu zweifeln. Es ist ein Pendeln zwischen den Möglichkeiten. Ein Hin und Her, das Kraft kostet. Vielleicht auch eine Form von Kontrollverlust. Denn so gerne wir unser Leben verstehen, einordnen und gestalten möchten, so wenig lässt es sich immer in die Bahnen lenken, die wir für richtig halten.
Manchmal stehen wir mitten in einer Veränderung, ohne zu wissen, was sich eigentlich verändert. Wir spüren nur, dass etwas nicht mehr so ist wie zuvor. Dass die alten Antworten nicht mehr tragen und die neuen noch fehlen. Und vielleicht ist genau das der beunruhigendste Zustand. Nicht zu wissen, woran man sich halten soll. Nicht zu erkennen, wohin der Weg führt. Sich in einer Welt zu bewegen, die aus den Fugen geraten scheint, während man gleichzeitig versucht, die eigenen Fugen zusammenzuhalten. Ich frage mich, weshalb wir so oft nach Auflösung suchen. Weshalb wir Ungewissheit nur schwer aushalten. Vielleicht, weil wir gelernt haben, dass jede Frage eine Antwort verdient. Dass wir Probleme lösen, Entscheidungen treffen und Ziele erreichen sollen. Dass Stillstand etwas ist, das es zu überwinden gilt. Aber vielleicht gibt es Phasen im Leben, die sich nicht auflösen lassen. Zumindest nicht sofort. Vielleicht sind manche Fragen nicht deshalb da, damit wir sie beantworten, sondern weil sie uns dazu bringen, genauer hinzusehen. Weil sie uns mit Seiten von uns selbst konfrontieren, die wir lange übergangen haben. Ich weiss nicht, ob das tröstlich ist. Denn auch wenn ich versuche, der Ungewissheit etwas abzugewinnen, bleibt da diese Schwere. Der Wunsch nach einem klaren Gedanken, einem festen Standpunkt, einem Weg, der sich zumindest für die nächsten Schritte abzeichnet.
Doch am Horizont ist noch nichts zu erkennen. Keine Lösung, die sich abzeichnet. Kein Zielpfad, dem ich einfach folgen könnte. Nur dieser Herbstabend, das flackernde Licht und der Wind, der draussen nicht zur Ruhe kommt. Vielleicht muss ich gerade nichts entscheiden. Vielleicht darf ich die Fragen für einmal stehen lassen, ohne sie in eine Ordnung zu zwingen. Ohne aus jedem Zweifel eine Erkenntnis und aus jedem Gefühl eine Konsequenz machen zu müssen. Vielleicht ist es möglich, in diesem Zwischenraum zu bleiben. Zwischen dem, was war, und dem, was werden könnte. Zwischen Gewissheit und Zweifel. Zwischen Festhalten und Loslassen. Nicht, weil es sich gut anfühlt. Sondern weil es manchmal keinen anderen Weg gibt.
Ich sitze noch immer auf dem Sofa. Die Kerze flackert. Der Regen prasselt auf das Dach. Draussen tanzen die Blätter weiter durch die Luft. Und in mir bleibt diese eine Frage. Was nun?



Kommentare